Ein kleines, aber großes Theaterwunder

Am 23. Juni 2019 wurde Bühne Cipolla im Rahmen der 8. Privattheatertage für ihre Inszenierung Der Untergang des Hauses Usher in den Hamburger Kammerspielen der Monica-Bleibtreu-Preis verliehen. Die Schriftstellerin Monique Schwitter hielt die Laudatio, welche wunderbar einige Kerngedanken der Theaterarbeit von Bühne Cipolla beschreibt.
Guten Abend meine Damen und Herren, mein Name ist Monique Schwitter, ich darf für die Jury der Kategorie (Moderner) Klassiker sprechen, der außerdem Christine Neuhaus und Nils Petersen angehören. Wir bedanken uns aufs Herzlichste bei den Künstlerinnen und Künstlern, die sich und ihre Arbeiten hier im Wettbewerb gezeigt haben und die unseren Juroren-Job zu einem äußerst attraktiven gemacht haben, denn die Qualität der Produktionen war nicht nur hoch, sondern: verblüffend.
In der Kategorie (Moderner) Klassiker stellte sich für uns natürlich die Frage: („Rückgriff“) Welcher Stoff wurde gewählt und wie funktioniert er - in welcher Form, mit welchen Mitteln und welcher Wirkung – heute? Was erzählt eine Produktion uns über uns (alle), gesellschaftlich, politisch, psychologisch? Auch das ist Theater: Oft ergeben sich Zusammenhänge scheinbar zufällig oder von selbst; wir hatten es nun, welch schöne Fügung, in unserer Kategorie viermal zu tun mit Untergängen, mit Katastrophen, mit maroden, mit gewalttätigen und zerstörerischen Systemen. Wir hatten uns zu fragen: Welche Rolle spielen wir als Publikum dabei? Wozu sind wir aufgefordert? Inwiefern spielen wir mit / wohnen bei / werden Zeuge / lassen zu / glotzen nur...
Ja, diese Theaterabende haben uns einen Spiegel vorgehalten. Mehr als das. Sie haben uns zum Nachdenken gebracht, uns war klar, dass wir gemeint sind, dass wir mit ihnen umzugehen haben, dass sie uns, im doppelten Wortsinn: ANGEHEN.
Es waren intensive Jurydiskussionen. Nein, wir waren uns nicht sofort einig. Ja, wir haben gerungen! Ja, wir hätten es vielleicht leichter gehabt, wenn wir wenigstens zwei statt einem Preis hätten vergeben dürfen. Vielleicht. Es ist ein demokratischer Vorgang, gut so. Aber wenn es um Kunst geht, darf es nicht einfach um Mehrheit gehen – und genausowenig um Kompromiss. Kunst und Kompromiss sind keine Geschwister! Nach alledem wird es sie nun vielleicht überraschen: Ja, wir haben den Preis vergeben! Und nein, es ist kein Kompromiss.

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Wir zeichnen eine fantastische Arbeit aus, eine ungeheure Liebesgeschichte von – wie kann das eigentlich sein?! - gesellschaftlicher Tragweite, ein kleines aber großes Theaterwunder, nichts Geringeres.
Das Wunder der Verwandlung ist das Kerngeschäft von Theater. Etwas soll zum Leben erweckt werden. Ein Stück Stoff. Das gilt in unserem ausgezeichneten Fall gleich doppelt, es bezieht sich gleichermaßen auf die literarische Vorlage und auf das zentrale Theatermittel, auf die Figuren. Beides wurde hier lebendig, der Stoff und der Stoff, auf hinreißende, auf atemberaubende Weise. Und dieses Erweckungswunder blieb nicht auf das Bühnengeschehen begrenzt, nein, es ergriff auch die Zuschauer: Selbst diejenigen mit steinernen Herzen wurden durch diesen Theaterabend zu neuem Leben erweckt, oh Wunder! Und liebten, und lachten, und litten mit. Eine unglaubliche Wechselwirkung zwischen Stoff und Stoff, zwischen Figur und Zuschauer, zwischen Raum und Mensch, zwischen oben und unten, innen und außen.
Auch hier: Ein marodes System, ein Untergang. Und dann: der Versuch, die Katastrophe zu verhindern. Es gab diesen einen Moment, als der Freund den Freund auffordert: „Mach einen Schritt, komm, geh raus!“ Und sich mit ihm in Richtung Zuschauerraum bewegt. Und an der Rampe aber nicht Halt macht, weil die Welt des Theaters nämlich grenzenlos ist und mit der Welt, in der wir leben nicht nur „vielleicht“, oder im günstigsten Fall, sondern voll und ganz und immer zu tun hat. Die Rampe also, diese mögliche Grenze, wird überwunden, plötzlich hat das Publikum, haben WIR die Aufgabe, die Katastrophe zu verhindern. Zuerst wurde uns ein kleiner Finger gereicht, dann eine Hand, und wir halfen mit, den Weg zu gehen, Schritt für Schritt. „Bitte richtig festhalten!“, verlangte der Freund dabei von uns Zuschauern, und wir gaben unser Bestes und waren plötzlich nicht mehr in einem Theatersaal, sondern draußen, mittendrin, in der großen, der ganzen, der einen Welt und verstanden: Es ist an uns ob wir es schaffen, die Chose zu retten. Ein Ich und ein Du und auch du und du und du.
Der Monica-Bleibtreu-Preis in der Kategorie (Moderner) Klassiker geht an die Bühne Cipolla für Der Untergang des Hauses Usher nach Edgar Allan Poe. Herzlichen Glückwunsch!